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Schwangerenvorsorge in Österreich: Hebammen fordern stärkere Einbindung

Der Mangel an Kassenpraxen für Gynäkologie und Geburtshilfe stellt Schwangere in Österreich zunehmend vor Herausforderungen. Das Österreichische Hebammengremium sieht in einer stärkeren Einbindung von Hebammen die Chance, das Gesundheitssystem zu entlasten und Frauen gleichzeitig mehr Wahlfreiheit in der Schwangerenvorsorge zu ermöglichen. Zum Internationalen Frauentag forderte das Gremium deshalb, die Kompetenzen von Hebammen künftig stärker zu nutzen.

Schwangerenvorsorge: Hebammen fordern stärkere Einbindung

Immer weniger Kassenärzte, Hebammen bleiben außen vor

In Österreich zeichnet sich seit Jahren ein zunehmender Mangel an Kassenpraxen für Gynäkologie und Geburtshilfe ab. Gleichzeitig sind Hebammen bereits heute qualifiziert, Frauen bei einer unkomplizierten Schwangerschaft zu begleiten und Vorsorgeleistungen zu übernehmen. Dennoch spielt ihre Rolle im österreichischen Gesundheitssystem bislang nur eine untergeordnete Rolle.

Nach den derzeitigen Vorgaben müssen alle fünf verpflichtenden Untersuchungen im Eltern-Kind-Pass von Fachärztinnen und Fachärzten für Gynäkologie und Geburtshilfe durchgeführt werden, damit der Anspruch auf das Kinderbetreuungsgeld bestehen bleibt. Nach Ansicht des Österreichischen Hebammengremiums bleiben dadurch vorhandene Kompetenzen ungenutzt und Schwangeren wird die Möglichkeit genommen, ihre Vorsorge freier zu gestalten.

„Hebammen sind Expert*innen für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Wenn wir ihre Kompetenzen stärker in der Vorsorge nutzen, profitieren Frauen, Familien und das Gesundheitssystem gleichermaßen“, betont Lisa Rakos, Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums.

Hebammen könnten Ärzte sinnvoll entlasten

Das Österreichische Hebammengremium spricht sich dabei nicht für eine Entweder-oder-Lösung aus. Vielmehr könnten Hebammen und Gynäkologinnen bzw. Gynäkologen ihre jeweiligen Kompetenzen gezielt einbringen. Nach den Vorstellungen des Gremiums würden die drei empfohlenen Ultraschalluntersuchungen weiterhin im Aufgabenbereich der Fachärzte bleiben. Zwei weitere Vorsorgetermine sowie Beratungsgespräche könnten hingegen auch von Hebammen übernommen werden.

Aus Sicht des Hebammengremiums würde ein solches Modell nicht nur die vorhandenen Ressourcen im Gesundheitswesen besser nutzen, sondern Schwangeren auch mehr Wahlfreiheit ermöglichen. Gleichzeitig könnten Fachärztinnen und Fachärzte entlastet werden, ohne dass Frauen auf eine umfassende medizinische Betreuung verzichten müssten. Dadurch würden Hebammen und Ärzte ihre jeweiligen Stärken sinnvoll miteinander verbinden, anstatt in Konkurrenz zueinander zu stehen.

Hebammen begleiten weit mehr als die Geburt

Viele verbinden Hebammen vor allem mit der Geburt. Tatsächlich begleiten sie Familien bereits weit davor und noch lange danach.

Aufgaben der Hebammen

  • Begleitung und Beratung während der Schwangerschaft
  • Unterstützung bei Schwangerschaftsbeschwerden
  • Vorbereitung auf Geburt
  • Betreuung im Wochenbett
  • Förderung eines gesunden Schwangerschaftsverlaufs
  • Stillberatung

Durch die regelmäßigen Kontakte erkennen Hebammen oft früh, falls werdende Mütter oder Familien zusätzliche Unterstützung benötigen. Viele Schwangere kämpfen mit Ängsten, psychischen Belastungen, sozialen Schwierigkeiten oder Sprachbarrieren. Manche müssen sogar Gewalt ertragen.

Dank ihrer engmaschigen Betreuung können Hebammen Betroffene frühzeitig an passende Beratungs- und Hilfsangebote vermitteln. Nach Ansicht des Österreichischen Hebammengremiums trägt dies dazu bei, mögliche Risiken für Mutter und Kind frühzeitig zu erkennen und die Versorgung von Familien nachhaltig zu verbessern.

Wie andere Länder Hebammen einbinden

Die Forderung des Österreichischen Hebammengremiums deckt sich mit den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese Guideline empfiehlt nämlich Modelle mit kontinuierlicher Hebammenbetreuung in Gesundheitssystemen mit entsprechend ausgebildeten Hebammen. Ziel sei eine qualitativ hochwertige Versorgung, die sich stärker an den Bedürfnissen der Frauen orientiert und gleichzeitig die vorhandenen Ressourcen im Gesundheitswesen effizient nutzt.

Hebammenbetreuung im europäischen Vergleich

Ein Blick in andere europäische Länder verdeutlicht obendrein, dass Hebammen dort bereits stärker in die Schwangerenvorsorge eingebunden sind:

  • In Deutschland und der Schweiz übernehmen sie bei unkomplizierten Schwangerschaften einen Teil der Vorsorge und arbeiten zudem eng mit Gynäkologinnen und Gynäkologen zusammen. In den Niederlanden geht das Modell noch weiter: Dort sind Hebammen bei unkomplizierten Schwangerschaften die zentrale Anlaufstelle, Gynäkolog*innen kommen erst bei medizinischer Indikation dazu.
  • Auch in Großbritannien ist die Hebamme ("Midwife") die primäre Ansprechperson während der gesamten Schwangerschaft: Sogenannte "Community Midwives" betreuen unkomplizierte Schwangerschaften eigenständig. Ultraschalluntersuchungen und weitere medizinische Untersuchungen ergänzen die Betreuung, bei erhöhten Risiken werden Ärztinnen und Ärzte hinzugezogen.
  • In Schweden läuft die Vorsorge über eigene, von Hebammen ("Barnmorska") geleitete Schwangerenambulanzen. Auch hier ist ein regulärer Arztbesuch erst ab der 16. Schwangerschaftswoche vorgesehen, davor liegt die Betreuung fast vollständig in Hebammenhand.
  • Frankreich nimmt eine Zwischenposition ein: "Sage-femmes" dürfen dort per Gesetz die komplette unkomplizierte Schwangerenvorsorge eigenständig durchführen und sogar bestimmte Medikamente verschreiben, trotzdem ist das Gesundheitssystem insgesamt stärker ärztlich geprägt, viele Frauen wählen weiterhin die klassische gynäkologische Betreuung.

Nach Ansicht des Österreichischen Hebammengremiums könnte ein ähnliches Modell auch in Österreich dazu beitragen, Frauen mehr Wahlfreiheit zu ermöglichen und Fachärztinnen und Fachärzte zu entlasten.

Möglichst früh deine Hebamme suchen

Wer sich eine persönliche Begleitung während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder im Wochenbett wünscht, sollte möglichst früh mit der Hebammensuche beginnen. Viele Kassen- und Wahlhebammen sind bereits Monate vor dem errechneten Geburtstermin ausgebucht. Idealerweise nimmst du deshalb schon im ersten Trimester Kontakt auf.

Informiere dich außerdem frühzeitig darüber, welche Betreuungsform am besten zu deinen Bedürfnissen passt. Eine passende Hebamme in deiner Nähe findest du über die offizielle Hebammensuche des Österreichischen Hebammengremiums.