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Mehrsprachige Kleinkinder erfolgreich erziehen

Zwetelina Ortega, Sprachwissenschaftlerin, Autorin, Expertin für Mehrsprachigkeit und Mutter arbeitet mit Eltern zusammen und hilft ihnen, den richtigen Zugang zu ihrer ganz persönlichen familiären Mehrsprachigkeit zu finden. In unserem Gastbeitrag erläutert sie Hintergründe, Tipps und Ideen, wie Kinder ihre Mehrsprachigkeit gut entfalten können und erklärt die Schrittfolge im Spracherwerb zwei- und dreisprachig aufwachsender Kleinkinder.

Die Sprache vor der Sprache

Sprachliche Entwicklung bei Kindern beginnt ab dem Moment, in dem Sie das Wort an Ihr Kind richten, also bereits bei seiner Geburt. Manche WissenschaftlerInnen gehen sogar noch einen Schritt weiter zurück und sagen, dass der Sprachaufbau des Kindes in dem Moment beginnt, in dem es Sie hören kann und das ist in etwa in der 23. Schwangerschaftswoche.

Es ist eine Tatsache, dass schon Neugeborene zwischen einer ihnen bekannten und unbekannten Sprache unterscheiden können. Bereits in den ersten Lebensmonaten sensibilisiert sich das Kleinkind für die akustischen und artikulatorischen Charakteristika der Sprachen, die ihm vermittelt werden. Zu Beginn ihrer Entwicklung haben Babys die Möglichkeit, sich die Laute jeder Sprache dieser Welt anzueignen. Relativ bald jedoch konzentrieren sich die Kleinen auf das Lautinventar der ihnen dargebotenen Sprachen. Das ist der Grund, warum man auch zu einem späteren Zeitpunkt eine weitere Sprache zwar immer noch sehr gut lernen kann, jedoch in der Aussprache kaum mehr das Muttersprachenniveau eines Native Speakers erreicht. Die Wissenschaft spricht hier von einem Zeitfenster, das sich irgendwann schließt und wohl spätestens in der Pubertät.

Deshalb ist es sinnvoll, so früh wie möglich mit der zweisprachigen Erziehung des eigenen Kindes zu beginnen.

Wenn wir Eltern brabbeln

In der Zeit, in der Babys noch nicht sprechen, tut sich trotzdem sprachlich sehr viel. Sie nehmen Sprache auf, versuchen sie nachzuahmen und mit Ihnen in Kontakt zu treten, zunächst durch Lallen. Indem Sie Ihrem Kind zeigen, dass Sie es wahrnehmen, auch als Kommunikationspartner, ermuntern Sie es in seiner Sprachentwicklung. Sprechen Sie von Anfang an viel mit Ihrem Kind, reagieren Sie auf sein Brabbeln, meist tun Eltern dies intuitiv und brabbeln freundlich zurück. Das ist ein wichtiges Zeichen für Ihr Kind, es bedeutet: „Du bist auf einem guten Weg“.

Mehr verstehen

In der vorsprachlichen Phase können Kleinkinder vielleicht noch nicht sprechen, verstehen aber schon eine ganze Menge. Unterschätzen Sie also nicht, was Ihr Kind schon verinnerlicht hat. Der Zeitpunkt, in dem es die ersten verständlichen Worte zu artikulieren beginnt, kann bisweilen auf sich warten lassen. Wir Erwachsenen sind sehr stark von verbaler Kommunikation geprägt. Babys und Kleinkinder hingegen kommunizieren in den ersten Jahren vorwiegend nonverbal. Eine Mutter erzählte mir, dass ihre deutschsprachige Tochter einen ganzen Nachmittag mit einem russischsprachigen Mädchen gespielt hat. Die beiden Kinder hatten keine gemeinsame Sprache, trotzdem hatten sie über etliche Stunden hinweg viel Spaß mit einander.

Zwei Tipps für diese Phase:

  • Das Um und Auf für eine gute sprachliche Entwicklung ist Liebe, Zuneigung und Geborgenheit, egal mit wie vielen Sprachen Ihr Kind aufwächst. Das Gefühl von Geborgenheit wird es ihm erlauben, gute Vorschritte in allen Sprachen zu machen.
  • Sprechen Sie viel mit Ihrem Baby, es nimmt Sprache von Ihnen auf.

Erste Worte des Babys

Zwischen dem neunten Monat und dem zweiten Lebensjahr beginnen die meisten Kinder zu sprechen. Zuerst sind es einzelne Worte, die sie, oft nur für Sie als Eltern erkennbar, produzieren. Hinter einem Wort steckt oft ein ganzes Universum. „Saft“ heißt „Ich möchte bitte Saft haben“ oder „Mama gib mir bitte den Saft, der da oben steht.“ Bald gesellt sich ein zweites Wort und weitere Wörter hinzu. Kinder erwerben Sprache vor allem, indem sie Sie als Eltern imitieren und sich an Ihrer Sprache orientieren. Aber nicht nur das, sie sind auch in der Lage, grammatikalische Einheiten zu interpretieren und in neuer Formen wiederzugeben.

Manchmal fällt es uns auf, wenn Kinder Fehler machen, wie zum Beispiel: zwei Mädchen zwei Häuse, oder gefaltet und gehaltet. Diese Art von Fehler machen auch einsprachige Kinder. Was wir dabei als Fehler wahrnehmen, ist jedoch oft das Produkt eines hochproduktiven Erwerbsmechanismus, nämlich Generalisierung bzw. die Bildung sprachlicher Analogien. Wenn etwa ein Kleinkind „er gehte“ sagt, eine Form, die es sicherlich nirgends gehört hat, so wendet es hier schlicht die bereits erworbene Beugung regelmäßiger Verben auf ein unregelmäßiges Verb an und zeigt damit, dass es bereits verinnerlicht hat, wie die Verbbeugung „normalerweise“ funktioniert.

Der Spracherwerb von Kleinkindern erfolgt unbewusst und ist gleichwohl immanent regelgeleitet. So bedienen sich auch mehrsprachig aufwachsende Kinder unbewusst aller ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Ressourcen. Was wir dabei registrieren, ist das Auftreten von Fehlern, unerkannt bleibt jedoch der viel umfangreichere gelungene Transfer von Bildungsmechanismen der einen in die andere Sprache. Deshalb sollten Sie solche Fehler bzw. Interferenzen nicht überbewerten. In aller Regel sind zwei- oder auch dreisprachig aufwachsende Kinder ab dem dritten Lebensjahr in der Lage, einen Großteil der Grammatik der in Kontakt stehenden Sprachen in der richtigen Form zu verwenden.

Das Vermischen der Sprachen

Wenn sich Kinder einen größeren Wortschatz angeeignet haben, versuchen sie Mehrwortsätze zu bilden. Manchmal vermischen sie dabei die Sprachen. In der Beratung erzählte mir eine Mutter von folgender Aussage ihrer Tochter: „Look mamy this is a Mütze!“ Diese Sprachmischungen geschehen wie der gesamte frühkindliche Spracherwerb unbewusst, man spricht hier von naivem Mischen. Meine Tochter sagt: “Ich will dir etwas zeigam.“ Sie verwendet zwar das deutsche Wort, aber mit einer bulgarischen Konjugation.

Die Phase des sprachlichen Mischens ist bei Kindern, die gleichzeitig mit mehreren Sprachen aufwachsen, etwas vollkommen Natürliches. Eltern machen sich oft Sorgen, ob das Kind wenigstens eine Sprache richtig lernen wird. Diese Sorge ist unbegründet. Solange das Kind regelmäßig Kontakt zu seinen Sprachen hat, und die Möglichkeit, sie aktiv zu verwenden, werden sie sich mit der Zeit so festigen, dass das Mischen zurückgeht.

Verbessern – einige Tipps

Bei den oben genannten Fehlern, die Kinder produzieren, fragen Sie sich als Eltern vielleicht, wie Sie Ihrem Kind das „richtige Sprechen“ beibringen und wie Sie es verbessern. Dazu einige Tipps:

  • Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind einen möglichst unvermischten sprachlichen Input erhält, d.h. vermeiden Sie im Umgang mit ihm möglichst das Vermischen der Sprachen. Das hilft bilingualen Kleinkindern, zwischen den Sprachen zu trennen, gleichzeitig schafft es Klarheit, die sich positiv auf ihre Sprachentwicklung auswirkt.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind eine möglichst reiche Sprache. Versuchen Sie von Zeit zu Zeit, ein Stück weit über den alltagssprachlichen Gebrauch hinauszugehen. Kinder sind von Haus aus neugierig und werden es dankbar annehmen.
  • Wenn Sie auf einen konkreten Fehler eingehen, sollten Sie dies stets indirekt tun, indem Sie eine Frage stellen oder indem Sie kommentieren und die fehlerhafte Form korrekt widerholen. Z.B. „Was möchtest du mir zeigen?“

Verspäteter Sprachbeginn

Eltern mehrsprachiger Kinder sorgen sich bisweilen und fragen sich, ob ihr Kind verspätet zu sprechen beginnen wird. Tatsächlich sind sich selbst WissenschaftlerInnen darüber uneinig, ob mehrsprachige Kinder später zu sprechen beginnen als einsprachige. Es gibt genügend Beispiele, die diese Annahme entkräften. Manchmal brauchen mehrsprachige Kinder etwas länger, um aktiv mit dem Sprechen zu beginnen, weil sie mehrere Sprachen verarbeiten müssen. Diese Verzögerung kann einige Monate dauern. Das heißt also, es tut sich innerlich viel, aber die praktische Umsetzung lässt manchmal auf sich warten. Die meisten Vergleiche werden mit einsprachigen Kindern gemacht, was aber ein verzerrtes Bild ergibt, da die Sprachentwicklung bei mehrsprachigen Kindern anders, nämlich auf mehreren Ebenen verläuft. Ein Indiz ist das erwähnte naive Mischen. Noch viel wichtiger aber ist, dass jede familiäre Sprachsituation letztlich einzigartig und mit keiner anderen wirklich vergleichbar ist. Und Ihr Kind ist auch einzigartig. Geben Sie ihm die Zeit, die es braucht. Und bleiben Sie bei Ihrer Entscheidung der mehrsprachigen Erziehung. Langfristig werden sich die kleinen Defizite ausgleichen und die vielen Vorteile überwiegen.

Zur Autorin:

Zwetelina Ortega ist Sprachwissenschaftlerin, Autorin, Expertin für Mehrsprachigkeit und Mutter. Sie ist Gründerin des Beratungszentrums Linguamulti, wo Einzelberatung und Workshops für Eltern, die ihre Kinder mehrsprachig erziehen, angeboten werden. Frau Ortega ist dreisprachig mit Bulgarisch, Spanisch und Deutsch aufgewachsen. In diesen drei Sprachen erzieht sie auch ihre eigenen Kinder.

Nächster Workshop-Termin:

Ich erziehe mein Kind mehrsprachig - wie es mir gelingt:
Samstag, 23. 4. 2016, 10.00 – 14.00 Uhr

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