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Flexibilisierung der Arbeitszeit: Was bedeutet der 12-Stunden-Tag für Familien?

Viele von euch haben es vermutlich mitverfolgt, einige waren bestimmt auch vor Ort: am vergangenen Wochenende hat der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) zur Großdemonstration gegen den 12-Stunden-Arbeitstag gerufen. Etwa 100.000 Menschen marschierten vom Wiener Westbahnhof zu den Abschlusskundgebungen am Heldenplatz, im Herzen der Bundeshauptstadt. Wir vom Babyforum haben uns gefragt, wie sich die geplante Anhebung der Höchstgrenzen auf junge Familien und AlleinerzieherInnen auswirken könnte – zu Wort kommen natürlich auch unsere UserInnen.

Impressionen von der Demonstration

Vereinbarkeit auf dem Prüfstand

Für berufstätige Mütter gehört der Tanz um die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben schon längst zum Alltag. Viele entwickeln dabei eine bewundernswerte Routine und Gelassenheit. Zum einen gilt es, einen geeigneten Platz in einer Kinderbetreuungseinrichtung zu bekommen. Und im besten Fall auch noch so, dass man als Mama guten Gewissens (das allgemeine schlechte Gewissen arbeitender Mamas ausgenommen) seiner Erwerbsarbeit nachgehen kann. Zum anderen müssen Regelungen für besondere Phasen wie Krankheit und Ferien gefunden werden. Regelrecht sportlich wird es in Punkto Organisation, wenn die Kinder aufgrund ihres Alters unterschiedliche Bedürfnisse und vielleicht sogar abweichende Ferienzeiten haben (Stichwort: schulautonome Tage). Im besten Fall gibt es ein gut funktionierendes Netzwerk bestehend aus Omas, Babysitter, Nachbarn und guten Freunden. Im schlechtesten Fall liegt es allein an Mama, alles unter einen Hut zu bringen, um doch noch irgendwie zur Arbeitsstelle hetzen zu können. So weit, so bekannt.

Nun hat die aktuelle Regierung eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten vereinbart. Im medialen Brennpunkt steht dabei die Ausweitung der täglichen Höchstarbeitszeit von 10 auf 12 Stunden (an 5 Wochentagen). Das wiederum bedeutet ein gesetzlich zulässiges Maximal-Arbeitspensum von 60 Stunden pro Woche (bisher waren es 50 Wochenstunden). Der Aufschrei der ArbeitsnehmerInnen-Vertretung ist verständlicherweise groß, denn wie sich die Gesetzesänderung tatsächlich auf die Praxis auswirken wird, bleibt abzuwarten. Insbesondere Frauen stellt die Anhebung der Arbeitszeit vor neue Herausforderungen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird erschwert, auch der Einstieg in ein Vollzeit-Beschäftigungsverhältnis wird nicht unbedingt leichter. Dazu findet Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin und Frauenvorsitzende, klare Worte:

„Frauen tragen den Hauptteil der Betreuungspflichten in Österreich. Schon jetzt arbeitet jede zweite Frau in unserem Land Teilzeit, und das oft nicht freiwillig. Durch eine Arbeitszeitverlängerung sinken ihre Chancen noch mehr, auf Vollzeit umzusteigen und damit auch auf ein besseres Einkommen“. Sie ergänzt: „Besonders für AlleinerzieherInnen, die häufig am Existenzminimum leben, ist das eine Katastrophe. Frauen werden noch mehr in Teilzeitarbeit und aus dem Arbeitsmarkt gedrängt“.

Auch wir vom Babyforum machen uns dazu unsere Gedanken: wie wird es berufstätigen Müttern und Vätern künftig gelingen, dennoch ausreichend Zeit für ihre Kinder aufzubringen? Werden Kindergeburtstage, Schulaufführungen oder Vorbereitungen für das Kindergartenfest tatsächlich als Ablehnungsgrund für Mehrarbeit akzeptiert? Und wie wirkt sich das auf das Arbeitsklima und das Miteinander der KollegInnen aus? Natürlich ist auch die Kinderbetreuung ein Thema. Entsprechende Plätze sind ohnehin schon schwer zu bekommen, in manchen Gemeinden lässt die Infrastruktur überhaupt zu wünschen übrig. Werden die Betreuungszeiten ausgeweitet, Hortplätze aufgestockt, das Betreuungsnetz in Österreich verbessert? Außerdem möchten wir gerne wissen, warum uns dieser Gesetzesantrag als „familienfreundlich“ verkauft wird. Selbst wenn eine 4-Tage-Woche sowie das „Blocken“ von Arbeitszeit und Freizeit propagiert werden, können wir uns derzeit schwer vorstellen, dass die Arbeitsrealität diesbezüglich auch mithalten kann.

Wie heißt es so schön: wo gehobelt wird, da fallen Späne. Kinder werden plötzlich krank, Kollegen fallen unerwartet aus, Kunden möchten noch schnell bedient werden und der Arbeitgeber fordert die dringende Erledigung gewisser Aufgaben. Wie einfach es dann von der Hand geht, Überstunden aus „überwiegend persönlichem Interesse“ abzulehnen, sei dahingestellt.

Das sagen die Babyforum-User

In unserem Forum wird der 12-Stunden-Arbeitstag schon fleißig diskutiert und derzeit können wir festhalten: die Meinungen gehen auseinander. Durchaus anerkannt wird die Tatsache, dass Betriebe und Arbeitgeber von der neuen Regelung profitieren, vor allem in jenen Bereichen, in denen lange Arbeitstage ohnehin schon inoffiziell zum Alltag gehören. Die Babyforum-User zweifeln jedoch daran, wie „echt“ die Freiwilligkeit bei der Ablehnung der Mehrstunden sein kann und gehen zudem davon aus, dass der innerbetriebliche Druck auf den einzelnen Arbeitnehmer wohl zunehmen wird. Weniger kritisch sehen es jene, die in Branchen tätig sind, in denen der 12-Stunden Arbeitstag vollkommen normal ist (z.B. Pflege, Gastronomie, medizinische Berufe). Thematisiert wird außerdem das Ineinandergreifen von längeren Arbeitszeiten, längeren Anfahrtswegen und den Betreuungszeiten in Kindergärten und Co.. Von den zu erwartenden Gehaltseinbußen (v.a. bei jenen ArbeitnehmerInnen, die in Gleitzeit tätig sind), zeigen sich die Babyforum-User wenig begeistert.

Du möchtest auch an unserer Diskussion zum 12-Stunden-Tag teilnehmen? Schreib uns deinen Kommentar oder folge unserem Link oben zum Thema im Forum.

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