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Kinder als Spiegel ihrer Eltern – Ein Gespräch über bewusstes Eltern-Sein

Eltern sind heutzutage bestens informiert. Wir wälzen Erziehungsratgeber, üben uns darin, unsere Kinder bedürfnisorientiert zu erziehen, begegnen dem Nachwuchs auf Augenhöhe, wählen Kindergarten & Schule mit Bedacht. Auffallend: unser Blick ist permanent nach außen gerichtet. Angesichts der Informationsflut vergessen wir nämlich, uns selbst zu beobachten. Warum die Reflexion der eigenen Gefühle und Verhaltensmuster jedoch wesentlich zu einer gelungenen Erziehung beitragen kann, darüber haben wir mit Margit Dechel gesprochen.

Die diplomierte Familienberaterin hilft Eltern, herausfordernde Situationen zu bewältigen und verzichtet dabei vollkommen auf klassische Elternberatung und herkömmliche Erziehungstipps. Wie das gelingt und wie sowohl Eltern als auch Kinder davon profitieren, das hat sie uns in einem sehr spannenden Interview erklärt.

Margit Dechel

BabyForum: Liebe Frau Dechel, vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit nehmen. Beginnen wir gleich mit dem Namen Ihres Unternehmens: „Bewusste Eltern“. Nun würde man meinen, dass Eltern heutzutage schon wesentlich informierter sind als die Generationen zuvor. Gestalten wir den Umgang mit unseren Kindern dennoch zu wenig bewusst?

Herzlichen Dank für das Interesse am bewussten Eltern-Sein. Vorab möchte ich erläutern, was ich unter bewussten Eltern verstehe und warum ich es für wichtig bzw. unumgänglich halte, dass Eltern sich ihrer selbst bewusst sind, d.h. darüber Bescheid wissen, was sie denken, fühlen und tun.

95% unserer täglichen Handlungen geschehen unbewusst, sprich ohne Möglichkeit, willentlich etwas anderes zu tun als unser Gehirn automatisch binnen weniger als einer Sekunde für uns entscheidet. Alles was wir je erlebt, gelernt und geübt haben, ist in unserem Gehirn abgespeichert und wird bei Bedarf ohne unser bewusstes Zutun abgerufen. Dieser Automatismus ist sehr gut und praktisch, wenn es um immer wiederkehrende Abläufe geht. Kein Mensch könnte z.B. Auto fahren, eine Sportart ausüben oder ein Musikinstrument spielen, wenn das nicht der Fall wäre. Wir würden auch immer wieder aufs Neue die Lichtschalter in unserer Wohnung suchen oder nicht wissen, wo wir Teller und Besteck finden, so wir es brauchen. Geht alles automatisch. Und wir bemerken diese Gewohnheiten erst, wenn wir umziehen oder die Küche neu einrichten, denn dann braucht das Gehirn wieder einige Zeit bis alles wieder so umorganisiert ist, dass wir die Dinge nicht an der falschen Stelle suchen oder erst überlegen müssen, wo wir etwas finden.

Allerdings sind nicht nur diese gelernten Abläufe in unserem Gehirn gespeichert, sondern auch alles, was wir je gehört, gesehen und erlebt haben, also alle Fakten samt den jeweils dazugehörigen Emotionen wie z.B. Angst, Scham, Schuld, Freude oder Liebe, die wir von Anbeginn der Entwicklung unseres Gehirns – und diese Entwicklung beginnt bereits im Mutterleib - je gefühlt haben. Und genauso wie wir ohne zu überlegen lenken, bremsen und Gas geben und die Lade aufmachen, in welcher das Besteck liegt, genauso agieren und reagieren wir auch automatisch im Umgang mit anderen Menschen, insbesondere unseren Kindern. Im Gegensatz zu den gelernten Abläufen sind es im Umgang mit anderen Menschen und speziell mit unseren Kindern aber größtenteils unsere unbewussten Emotionen, die für unser automatisches Handeln verantwortlich zeichnen. Ich sage: „speziell mit unseren Kindern“, da Kinder aufgrund der Entwicklung ihres Gehirns in den ersten paar Jahren nur emotional agieren können, weil der Teil des Gehirns, der für die Ratio zuständig ist, noch gar nicht ausgebildet ist. Somit interagieren wir Erwachsene, die oft von sich meinen, vernünftig und rational zu sein, mit kleinen Kindern auch emotional, weil wir auf ihre Ausdrucksweise mit der selbigen reagieren. Da hilft es wenig, dass wir schon besser wissen, was zu tun ist oder was richtig wäre, weil wir dutzende Erziehungs-Ratgeber gelesen haben. Wir können es kaum ins Tun umsetzen, wenn wir nicht wissen, dass und warum unsere Emotionen und unbewussten - oft von den eigenen Eltern übernommenen - Überzeugungen uns automatisch „handeln machen“.

Genau dort setzt „Bewusste Eltern“ an. Bei der Beobachtung unserer Gedanken und Wahrnehmen unserer Überzeugungen, beim (Auf-)Spüren unserer Emotionen und Bewusstmachen unseres Verhaltens. Beim Herausfinden, welche wahren Absichten und Motive unserem Handeln zugrunde liegen. Seien Sie versichert, es sind in 99 von 100 Fällen nicht die meist guten oder logischen Absichten, die Ihnen als Erstes in den Sinn kommen. Erst wenn wir all das Schritt für Schritt immer mehr wahrnehmen können, haben wir eine bewusste und willentliche Wahl. Erst wenn wir wissen, wie wir „funktionieren“, können wir bewusst eingreifen und die bis dahin unbewussten Hintergründe unseres Verhaltens ändern – und damit ändert sich auch unser Verhalten.

BabyForum: In unserem ersten Gespräch haben Sie gesagt: „Ein Kind ist auffällig, damit uns etwas an uns auffällt“. Viele Eltern reagieren verständlicherweise mit Widerstand gegen so eine Aussage. Warum ist es dennoch wichtig, unser Verhalten zu reflektieren?

Ja, es ist völlig natürlich, dass so eine Aussage erstmal Widerstand hervorruft. Wir haben nie gelernt bzw. noch nie etwas davon gehört, dass und welche Zusammenhänge es zwischen der Persönlichkeit, dem So-Sein der Eltern und dem auffälligen Verhalten von Kindern gibt. Die Gesellschaft, in der wir, unsere Eltern, Großeltern, usw. aufgewachsen sind, hat kindliches Fehlverhalten entweder daran festgemacht, dass die Kinder irgendwie falsch sind oder dass es bestimmte natürliche Phasen sind, die wieder vorbeigehen, wie z.B. die Trotzphase und die Pubertät oder – und das ist schon nicht leicht zu ertragen für Eltern – dass sie ihre Kinder einfach nur falsch erziehen, also etwas Falsches tun.

Aber es ist nichts von alledem und das, was wir Erziehung nennen, hat auch nichts damit zu tun. Es geht nicht um ein bestimmtes Tun, sondern es geht um ein bestimmtes So-Sein, das allen unseren Handlungen zugrunde liegt. Und es geht auch nicht um richtig oder falsch, sondern um Ursache und Wirkung. Das macht es aber nicht leichter, diesen Gedanken zuzulassen. Welche Mutter oder welcher Vater ist schon gerne die Ursache für ein auffälliges Verhalten des Kindes? Da kommt dann gleich Schuld und Scham auf und genau diese Emotionen wollen wir schon gar nicht haben. Das Problem ist aber, dass wir alle sie haben. Angst, Scham, Schuld, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Ärger, Wut, Minderwertigkeit, Sorge, nicht gut genug zu sein etc., sind unsere täglichen Begleiter. Ein kleines Kind ist per se hilflos und auf seine Eltern angewiesen. Wir wurden in unserer Kindheit häufig beschämt, beschuldigt, waren auf etlichen Gebieten nicht gut genug für unsere Eltern und Lehrer, hatten Angst zu versagen, weil wir uns oft nur geliebt fühlten, wenn wir die erwartete Leistung erbringen konnten und sehr oft waren diese Erwartungen weit höher als unser Leistungsvermögen.

All das zusammen ist ein brisanter emotionaler „Cocktail“, der in unseren Gehirnzellen abgespeichert ist und in jeder Situation, die uns auch nur annähernd an ein Erleben in unserer Kindheit erinnert, automatisch abgerufen wird. Nun hat unser Gehirn einige „Notfall-Maßnahmen“, wie z.B. Verdrängung und Verleugnung, weil es für uns, also ohne unser Zutun entscheidet, dass es möglicherweise schmerzhaft wäre, sich diesen Gefühlen zu stellen und sie zu fühlen. Es beschützt uns sozusagen davor, dass wir das Leid, das wir als Kinder erfahren haben und damals nicht verarbeiten konnten, nochmal spüren müssen. Damit bleiben aber all diese Emotionen im Unbewussten. Wir meinen, dass wir rational handeln. Dem ist aber nicht so, denn diese nicht erkannten Emotionen samt der Schutz-Funktion unseres Gehirns sind die Ursache unserer Handlungen.

Hier ein konkretes Beispiel dazu:

Eine 35-Jährige Frau, nennen wir sie Mara, hat in ihrer Kindheit immer und immer wieder erlebt, dass sie nicht „Nein“ sagen „durfte“. „Durfte“ unter Anführungszeichen, weil es ihr nicht konkret verboten wurde, sondern weil ihr Vater auf ein „Nein“ von ihr wütend wurde und sie angeschrien hat und ihre Mutter bei jedem „Nein“ beleidigt war, sie ignoriert und stundenlang nicht mit ihr geredet hat. Diese Reaktionen ihrer Eltern haben sie damals, als sie auf die Zuwendung ihrer Eltern angewiesen war, sehr geschmerzt. Somit hat sie, also ihr Gehirn, sich über die Zeit das Muster angewöhnt, diesem Schmerz dadurch zu entgehen, dass sie – egal ob sie es wollte oder nicht – immer „Ja“ gesagt hat, sprich alles, was andere von ihr wollten, getan hat, nur damit niemand böse auf sie oder beleidigt ist. Nun ist Mara erwachsen, also nicht mehr auf die Zuwendung anderer angewiesen, allerdings ist dieses „Ja-Sagen-Muster“ so tief in ihrem Gehirn verankert, dass sie es nicht schafft, irgendjemandem eine Bitte abzuschlagen – aus Angst, wie damals in ihrer Kindheit abgelehnt zu werden. Sie ist die Liebe, Nette, Hilfsbereite, immer da, wenn jemand etwas braucht und fast jeder mag sie.

Innerlich ist sie aber zerrissen, völlig überfordert und gestresst, weil sie/ihr Gehirn immer im „Notfall-Modus“ ist, also permanent ganz penibel drauf achtet, dass sie sich so verhält, dass niemand von ihr enttäuscht oder ihr böse ist. Das ist sehr anstrengend.

Mara hat eine neunjährige Tochter und resultierend aus ihrem eigenen schmerzhaften Erleben in der Kindheit, macht sie seit Jahren alles, damit auch ihre Tochter nie (!) böse oder beleidigt ist – weil ihr System unbewusst schlussfolgert, dass auch ihr Kind sie nicht mehr liebt, wenn sie „Nein“ sagt. Ihr Kind darf alles, bekommt alles und jedes „Nein“ ihrer Tochter, egal wann und wozu wird von ihr akzeptiert. Das führte dazu, dass sie quasi zur Dienerin ihres Kindes wurde, ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, ihre eigenen Grenzen bei Weitem überschreitet, ihre eigene Bedürfnisse nicht mehr wahrnimmt nur um den Wünschen und Erwartungen ihres Kindes (in Wahrheit ihrer Angst vor Ablehnung!) immer gerecht werden zu können. Was ihre Tochter allerdings bei ihr nicht spüren kann, ist Klarheit, Sicherheit, Geborgenheit und Halt.

Rational hat sie einen „sehr guten Grund“, sich so zu verhalten, denn sie hat in Erziehungsratgebern gelesen, dass es sehr gut und richtig ist, Kinder „bedürfnisorientiert“ zu erziehen – und in ihren Augen macht sie nun genau „das einzig Richtige“. Und verteidigt damit ihr Verhalten vor allen, die sie kritisieren und wenn das auffällige Verhalten ihrer Tochter mal wirklich heftig ist, dann ist das „nur eine Phase, die vorbeigeht“. Egal, wer ihr sagt, dass sie nicht so „nachgiebig“ sein oder ihrem Kind auch mal Grenzen setzen soll, alles wird sofort abgeschmettert. Das führt auch zu großen Konflikten mit ihrem Mann, dem Vater des Mädchens, weil er wiederum in seiner Kindheit „Nein“ sagen konnte, ohne negative Reaktionen seiner Eltern auszulösen und somit nicht annähernd nachvollziehen und verstehen kann, warum seine Frau so unvernünftig handelt. Und es führt auch zu Konflikten mit ihren Eltern, denn die stehen ja nach wie vor dazu, dass kleine Kinder nicht „Nein“ sagen dürfen.

Maras Tochter wird durch ihre Angst vor Ablehnung und ihre daraus resultierenden Handlungen „auffällig“, weil sie, da immer alles nach ihrem Kopf geht, auch immer nach mehr verlangt. Sie hat nie gelernt, Frust auszuhalten, wenn einmal etwas nicht so funktioniert, wie sie das gerne hätte. Sie hat nie gelernt, auf andere Rücksicht zu nehmen und ihre Wünsche auch mal zurückzustellen und kann mit ihren Emotionen nicht umgehen, was sie aber altersentsprechend meistens schon bewerkstelligen könnte. Ganz im Gegenteil, ihre emotionalen Ausbrüche werden immer heftiger, sie schreit, kratzt, beißt, haut, spuckt, etc. weil es in ihrem Leben, z.B. mit Freunden oder in der Schule, immer mehr Situationen gibt, wo sie nicht bestimmen und ihren Willen durchsetzen kann. Da sie das Bestimmen aber von zu Hause gewohnt ist, rastet sie immer öfter komplett aus, wenn ihr auch nur irgendeine Kleinigkeit nicht passt.

Sobald Mara auffällt, also ihr bewusst wird, dass es ihre riesengroße, aus ihren Erfahrungen in der Kindheit resultierende und heute noch in ihr wirkende Angst vor Ablehnung, vor Wut, Ignoranz oder Liebes-Entzug anderer ist, die sie bisher unbewusst so handeln hat lassen, kann sie diese Angst lösen – und damit wird sich ihr Verhalten ihrer Tochter gegenüber automatisch verändern. Was wiederum bedeutet, dass sich auch das Verhalten ihrer Tochter ändern wird, die nun, anstatt einer ängstlichen Mutter gegenüberzustehen, die alles macht, was ihr Kind will, ein elterliches Gegenüber hat, das ihr den für sie nötigen Halt, die Sicherheit und Geborgenheit geben kann, die sie braucht, um zu lernen, mit sich selbst und ihren Emotionen klarzukommen und die ihrem Kind auch ein Vorbild darin ist, wie man das macht. Als Nebeneffekt lösen sich auch die Konflikte mit ihrem Mann und ihren Eltern, weil sie wieder in ihre Kraft und ihre Klarheit kommt und Zugang zu ihrer intuitiven Elternkompetenz findet, die sie jenseits irgendwelcher Ratgeber und Erziehungs-Methoden immer öfter die jeder Situation angepassten, für alle Beteiligten „jetzt gerade richtigen“ Entscheidungen treffen und Handlungen ausführen lässt.

BabyForum: Wir haben uns auch intensiv über das „Innere Kind“ unterhalten. Was kann man sich darunter vorstellen, inwiefern beeinflusst es unsere Beziehungen?

Der Begriff „Inneres Kind“ ist eine modellhafte Betrachtungsweise unseres inneren Erlebens. Es bezeichnet die im Gehirn abgespeicherten Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit. Die Arbeit mit dem Inneren Kind funktioniert nach dem Prinzip der beabsichtigten, bewussten Ich-Spaltung zwischen dem beobachtenden, reflektierenden inneren Erwachsenen-Ich und dem erlebenden, fühlenden inneren Kind.

Lehnen wir unsere Gefühle ab, weil sie teilweise schmerzhaft sind, dann lehnen wir - als Erwachsenen-Ich - unser inneres Kind ab, wir „spalten“ es ab. Diese innere Beziehung zwischen Erwachsenen-Ich und innerem Kind ist aber die Grundlage für alle Beziehungen in unserem Leben und auch hier wieder speziell die Grundlage für die Beziehung zu unserem leiblichen Kind. Unsere – wie vorher schon erwähnt -  rein emotional agierenden kleinen Kinder rufen durch den Ausdruck ihrer Emotionalität immer und immer wieder unser inneres Kind auf den Plan, weil uns ihre Emotionen „triggern“, d.h. die ungelösten und von uns nicht gewollten negativen Gefühle unseres inneren Kindes direkt ansprechen und damit auslösen, dass wir sie fühlen. Wollen wir den Kontakt mit den eigenen Gefühlen aber vermeiden, sprich unsere Gefühle nicht spüren, dann haben wir Widerstand auf die teils heftigen Emotionen unseres leiblichen Kindes.

Können wir mit unserer eigenen Gefühlswelt nicht umgehen, dann können wir auch mit der Gefühlswelt unserer Kinder nicht umgehen. Für unsere Kinder ist das aber eine Zeit lang die einzige Welt, die sie haben. Fühlen wir uns schlecht, also hilflos, gestresst und überfordert wenn unser Kind schreit, weint, wütend ist, trotzt, Angst hat, sich schämt, usw. dann sorgt der Widerstand auf unsere eigenen Gefühle dafür, dass unser Gehirn in Ausübung seiner Schutz-Funktion alles macht, damit unser leibliches Kind sich so schnell wie möglich wieder „beruhigt“ bzw. seinen Gefühlen keinen Ausdruck mehr verleiht. Wenn wir die Gefühle unseres Kindes ablehnen, weil sie uns mit unseren eigenen konfrontieren, dann fühlt sich unser Kind von uns abgelehnt. Wir sind nicht in der Lage, die kindlichen Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Halt, Geborgenheit, Zuwendung und Liebe zu erfüllen. Ganz im Gegenteil, unser inneres Kind ist diesbezüglich selbst noch bedürftig und wir erhoffen bzw. erwarten uns unbewusst, dass unsere Kinder uns all diese Bedürfnisse erfüllen. Und kleine Kinder tun dies. Sie sind 100% abhängig von uns, lieben uns bedingungslos und müssen daher all unsere Erwartungen an sie erfüllen, was für sie Druck, Anstrengung und vor allem Selbstverleugnung bedeutet.

Genau hier beginnt, so wir uns all das bewusst machen, die Spiegel-Funktion unserer Kinder. Sie sind sozusagen unsere besten Lehrmeister darin, alle in uns gespeicherten, ungelösten negativen Emotionen aus unserer eigenen Kindheit aufzuzeigen. Und wir haben erstmals die bewusste Wahl, uns diesen Emotionen zuzuwenden, sie wahr- und anzunehmen, also uns selbst mit allem, was uns ausmacht anzunehmen oder weiter unbewusst unseren Kindern ihre Emotionen „abzugewöhnen“, sprich dafür zu sorgen, dass sie ihre Gefühlswelt in sich mit der Zeit auch unterdrücken und verdrängen und damit sich selbst verleugnen. Genau das haben schon unsere Eltern und deren Eltern und deren Eltern, usw. mangels besserem Wissen getan.

Kurz zusammengefasst: je besser die innerpersonale Beziehung unseres Erwachsenen-Ich zu unserem inneren Kind ist, sprich je mehr wir uns selbst mit all unseren teils auch negativen Gefühlen kennen, wahrnehmen, annehmen und mögen, desto besser ist die Beziehung zu unseren leiblichen Kindern, weil wir erst dann auch sie in ihrer Gefühlswelt wahrnehmen, annehmen, so sein lassen und wahrhaftig lieben können.

BabyForum: Sprechen wir über Ihre 3-teilige Workshop-Reihe. Was lernen die TeilnehmerInnen? Mit welchen „Werkzeugen“ für den Erziehungsalltag verlassen sie die Workshops?

Es gibt bei mir keine „Werkzeuge“ für den Erziehungsalltag, kein “das musst oder sollst du tun“ oder „das darfst du nicht tun“, weil alle Eltern in sich eine „intuitive Erziehungskompetenz“ haben. Wenn sie Zugang dazu haben, dann wissen Eltern in jedem Moment ganz genau, was das Richtige für sie und ihre Kinder ist. Das ist aber von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation völlig unterschiedlich, so verschieden und einzigartig wie wir Menschen und unsere Lebenssituationen nun mal sind.

In Teil Eins der Workshop-Reihe gibt es – wie hier schon im Ansatz beschrieben – Erklärungen, wie wir mit unseren Kindern unbewusst interagieren und dutzende „Werkzeuge“ dafür, uns selbst zu durchschauen, unsere Gefühle wahrzunehmen und anzuerkennen, eine liebevollere Beziehung zum eigenen inneren Kind herzustellen, ungewollte Emotionen anzuerkennen und zu klären, alle hinderlichen, meist von den eigenen Eltern übernommenen Überzeugungen zu verändern und dadurch die Beziehung und Bindung zu unserem Kindern, die oftmals aus den vorher beschriebenen Gründen nicht gelebt werden können oder unterbrochen sind, wieder herzustellen oder zu festigen.

In Teil Zwei widmen wir uns dem sogenannten „Drama-Dreieck“ und seinen Auswirkungen, unseren „Identitäten“(das sind Verhaltensmuster, die wir in unserer Herkunftsfamilie unbewusst angenommen haben) und den generellen Familiendynamiken. Anhand innerer „Aufstellungen“ werden Probleme mit den Eltern, die sich in der eigenen Familie teilweise unbewusst wiederholen, sichtbar gemacht und gelöst. In Teil Drei beschäftigen wir uns immer tiefer gehend mit Angst, Scham und Schuld sowie mit Integrität und Vertrauen. Kurzum eine weite, spannende Entdeckungs-Reise in unser Unbewusstes und in alle Ebenen unseres So-Seins aus allen möglichen Betrachtungswinkeln, damit wir so viel wie möglich erkennen, aufspüren und lösen können, was uns bislang daran gehindert hat, unser Eltern-Sein freudig und entspannt zu genießen.

BabyForum: Welche Rolle spielen wissenschaftliche Erkenntnisse aus Hirnforschung, Biochemie und Psychologie in diesem Zusammenhang?

Ich erachte es als wichtig, zu wissen und dadurch zu verstehen, wie unser Gehirn, unsere körperliche Biochemie, unsere Gedanken und Gefühle zusammenhängen und sich gegenseitig bedingen. Dazu sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Gehirnforschung, Biochemie und Psychologie sehr gut geeignet und ich habe sie hier in meinen Antworten auch teilweise schon erklärt. Wenn wir die natürlichen Funktionen unseres Gehirns, durch die unser Leben gesteuert wird, und unser inneres Erleben nicht oder – weil sich viel auf der unbewussten Ebene abspielt – kaum kennen und nicht wissen, wie alles in unserem Körper-Geist-System zusammenspielt, dann ist es viel schwerer, den Hintergründen für die Dinge, die uns belasten, auf die Spur zu kommen und effektive und vor allem nachhaltige Veränderungen herbeizuführen.

BabyForum: Sie bieten zum Thema „Bewusste Elternschaft“ auch Einzelberatungen an. Welchen Tipp haben Sie für interessierte Mütter und Väter, die nicht sicher sind, ob sie ihre individuellen Probleme lieber im Einzelsetting oder in der Gruppe thematisieren?

Bei ganz spezifischen Problemen empfehle ich das Einzelsetting. Es ist auch das Mittel der Wahl, wenn Eltern Angst haben oder es ihnen peinlich ist, wenn andere Menschen über ihre Probleme Bescheid wissen.

Die Gruppe hat den großen Vorteil, dass alle Teilnehmer binnen kürzester Zeit erkennen, dass sie nicht alleine sind mit ihren Problemen. Das kann sehr erleichternd sein. Weiters erkläre ich in den Workshops gleich vorab die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Zusammenhänge, was zur Folge hat, dass die Teilnehmer ihre persönliche Situation aus einem anderen Blickwinkel betrachten können und sich allein damit schon einiges löst und klärt. Und die Fragen und Erkenntnisse der einzelnen Teilnehmer sind auch immer für alle anderen hilfreich. Es kommen ja immer „die Richtigen“ in einer Gruppe zusammen, die sich gegenseitig unterstützen oder auch mal ein bisschen herausfordern, damit Dinge gesehen und gelöst werden können. Außerdem entwickelt sich im Laufe der Workshops in den Teilnehmern oft eine eigene „Problemlösungs-Kompetenz“. Das macht sie in Zukunft unabhängig und sie brauchen keine weitere Hilfe von mir oder anderen BeraterInnen mehr.

Es gibt übrigens in den Workshops keinerlei Verpflichtung dazu und es wird auch niemand aufgefordert, persönliche Themen in der Gruppe zu teilen. Die Teilnehmer arbeiten mit ihren Unterlagen für sich alleine und ich stehe auch jederzeit gerne nach dem Workshop für Fragen zur Verfügung. So sie dies wollen, können sie natürlich jederzeit gerne Fragen stellen und neue Erkenntnisse, Berichte über Veränderungen und positive Entwicklungen mit anderen Teilnehmern teilen. Der vertrauliche Umgang mit privaten Informationen wird im Vorfeld mit allen anderen Teilnehmern verbindlich vereinbart.

Und last but not least – die Workshops sind preislich günstiger als Einzelberatungen.

BabyForum: Nehmen wir Folgendes an: jede Alltagssituation mit meinem Kleinkind ist ein Kampf. Ob beim Anziehen für den Kindergarten, beim Zähneputzen oder beim Essen. Es wird wütend, schreit oder schlägt um sich. Mit der Zeit leiden alle Familienmitglieder unter der angespannten Stimmung, vor allem als Mutter bin ich erschöpft und überfordert. Ich habe alles versucht, weiß einfach nicht mehr weiter. Wie entkomme ich dieser emotionalen Achterbahn?

Wie schon anfangs erwähnt, gebe ich keine Erziehungs-Tipps und Ratschläge, was Eltern tun können, damit ihr Kind sich wieder so verhält, wie sie das gerne hätten. Nicht deshalb, weil ich es nicht könnte, sondern weil es meiner Erfahrung und Philosophie nach langfristig gesehen keinem der Beteiligten hilft.

Mein Ansatz ist, uns gemeinsam – egal ob im Einzelsetting oder auch in der Gruppe - die Gesamtsituation samt der Ursachen, die die belastenden Auswirkungen haben, anzusehen, d.h. ich unterstütze die Eltern dabei, die Ursachen zu erkennen bzw. sich ihrer bewusst zu werden und biete dann sehr viele verschiedene Herangehensweisen und „Werkzeuge“ für die Lösung an, aus welchen die Eltern dann diejenigen aussuchen und anwenden können, die für sie und ihren Alltag passend, also möglich und machbar sind. Mein Beispiel von Mara bei Frage 2 ist die Erläuterung so einer „Bewusstmachung“ der Ursachen samt anschließender Lösung und Veränderung der Auswirkungen, was durchaus auch in abgeschwächter Form auf das hier von Ihnen genannte Beispiel zutreffen könnte. Das auffällige Verhalten des Kindes kann aber auch ganz andere Ursachen haben, die es immer in Einzelfall herauszufinden gilt.

Es klingt vielleicht seltsam, dass es auch in der Gruppe möglich ist, sich der ganz individuellen Ursachen für die verschiedensten Probleme bewusst zu werden. Der Vorteil der Workshop-Reihe ist aber, dass die Eltern im Laufe der Zeit durch viele Übungen und Beobachtung sich generell ihrer selbst bewusster werden und es dann oft ein Leichtes für sie ist, die Ursache(n) ohne meine Unterstützung oder nur mit kurzer Rückfrage selbst herauszufinden. Und aufgrund der gesammelten Werkzeuge dann auch selbst zu lösen. Die Workshops tragen also dazu bei, die Schwierigkeiten oder Konflikte, die jetzt da sind und auch jene, die möglicherweise in Zukunft auftreten – unsere Kinder verändern sich ja oft sehr schnell und jedes Alter, jeder neue „Autonomie-Status“ unserer Kinder kann neue Herausforderungen bringen – in Eigenregie lösen zu können.

BabyForum: Wie kaum ein anderer Experte/eine andere Expertin treten Sie konsequent dafür ein, dass unbewusste Emotionen und Verhaltensmuster aus der eigenen Kindheit die Beziehung zu unseren Kindern maßgeblich beeinflussen. Wie ändert sich unser Zugang zum Familienleben, wenn wir Kinder als Spiegel ihrer Eltern begreifen?

Ja, dafür trete ich konsequent ein, weil ich erstens die Auswirkungen dieser Arbeit am eigenen Bewusstsein bei mir selbst, meinem Mann und meinem Sohn selbst erlebt habe und zweitens über die Jahre schon bei sehr vielen Eltern, werdenden Eltern und auch Großeltern, die ich begleiten durfte, die ausnahmslos sehr positiven Veränderungen bei allen Beteiligten und insbesondere den Kindern mitverfolgen durfte.

Sobald wir unsere Kinder als unseren Spiegel begreifen, ändert sich nicht nur der Zugang, sondern das gesamte Familienleben und nicht nur das. Wenn wir damit aufhören, unsere Kinder verändern zu wollen und Verantwortung für unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen übernehmen, uns selbst hinterfragen und in Bezug auf die eigenen Emotionen und Verhaltensmuster immer bewusster werden, die uns belastenden lösen und mit uns selbst ins Reine kommen und eine achtsame, wertschätzende, würde- und liebevolle Beziehung zu uns selbst leben, dann überträgt sich das automatisch auf alle unsere Beziehungen im Außen. Zuallererst auf die Beziehung mit unseren Kindern, die uns am nächsten sind, dann auf die Beziehungen mit unseren Partnern, Eltern, Kollegen, Chefs, usw. und das erleichtert und bereichert schlussendlich jegliches Zusammensein mit anderen Menschen.

Diese Bewusstseins-Arbeit ist zwar anfangs aufwendig und kann auch teilweise schmerzhaft sein, wird aber mit der Zeit immer leichter, einfacher und klarer und ist aus meiner Sicht die einzig nachhaltige Möglichkeit für das Leben von liebevollen Beziehungen und Frieden in den Familien, also für das, was sich viele von uns wünschen. Und wenn all das, worauf unsere Kinder uns durch auffälliges Verhalten hinweisen, von immer mehr Eltern angenommen, gesehen und anstatt bei den Kindern in uns Eltern gelöst und nicht mehr unbewusst und unreflektiert an die Kinder weitergegeben wird, die es dann wieder an ihre Kinder weitergeben, usw., dann gibt es immer mehr glückliche und zufriedene Menschen und daraus resultierend sicher auch mehr Frieden in dieser Welt.

Dazu ist es aber notwendig und aus meiner Sicht unabdingbar, dass jede(r) Einzelne erst einmal bei sich selbst damit beginnt, denn kein anderer Mensch wird und vor allem kann es für uns tun.

Meine Workshops sind übrigens nicht nur für Eltern, sondern auch für Paare, die ein Kind erwarten oder sich Kinder wünschen und auch für Großeltern, die Konflikte mit ihren erwachsenen Kindern oder ihren Enkeln haben. Und es müssen auch nicht beide Eltern die Workshops besuchen. Da in einem Familiensystem immer eines das andere bedingt, kann eine(r) allein schon sehr große Veränderungen bewirken. Es braucht auch nicht unbedingt aktuelle Konflikte oder Herausforderungen, um mit der Bewusstseinsarbeit zu beginnen. Neugierde und Interesse am Thema reicht völlig. Es ist nie zu früh aber auch nie zu spät, sich seiner selbst bewusst zu werden.

Zur Person

Mehr Informationen zu Margit Dechel und ihrem Workshop-Angebot findest du unter: https://www.bewusste-eltern.at.

Wir freuen uns zudem, dass wir Margit Dechel bei der zweiten Ausgabe der BABY ACADEMY Austria am 05.10.2018 begrüßen dürfen. Sie wird über Wut und Ärger im Familienalltag sprechen.

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