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Sternenkinder - Trauerarbeit und Selbsthilfe nach einer stillen Geburt

Interview

Jede zehnte Schwangerschaft in Österreich endet unglücklich. Lange Zeit waren Fehl- und Totgeburten ein Tabuthema und auch heute noch fällt es vielen Betroffenen schwer, darüber zu sprechen. Organisationen wie der Verein Pusteblume aus Oberösterreich haben es sich zur Aufgabe gemacht, betroffenen Eltern zu helfen und das Thema aus der Tabuzone zu holen. Wir haben mit Simone Strobl, Obfrau des Vereins Pusteblume, über die Eintragung von Sternenkindern ins Personenstandsregister, über das hilfreiche Verhalten im Umgang mit Betroffenen und über individuelle Trauer gesprochen.

Simone Strobl - Verein Pusteblume

Liebe Frau Strobl, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für unser Gespräch nehmen.

BabyForum: Was macht der Verein Pusteblume?

S. Strobl: Der Verein Pusteblume verfolgt das Ziel, eine empathische, situationsgerechte und auch professionelle Betreuung und Nachsorge von Betroffenen nach einer Fehl- und Totgeburt in Österreich aufzubauen. Aktuell engagieren wir uns im Rahmen der Aktion „Sternenkinderkleidung – Als Zeichen der Würde“. Österreichische Geburten- und Frühgeborenenstationen, Hebammen, Fachpersonen und betroffene Eltern können kostenfrei bei uns Sternenkinderkleidung anfordern, die wir dann auch kostenlos liefern. Dort wird die Kleidung an Betroffene weitergegeben. Bei uns können sich auch Eltern melden, deren Sternenkind sich für die nächsten Tage ankündigt oder die ihr Sternenkind bereits im Arm halten. Wir lassen ihnen die Bekleidung dann zukommen. Darüberhinaus ist es natürlich unser Ziel, dass sich die Situation rund um das dramatische Erlebnis Fehl- und Totgeburt in Österreich verbessert, dass die betroffenen Eltern besser begleitet werden.

BabyForum: Bleiben wir bei der Sternenkinderkleidung. Neben dieser speziellen Kleidung gibt es auch Einschlagdecken und kleine Kuscheltiere. Was ist der Gedanke dahinter?

S. Strobl: Es ist ja so, dass der Tod des Kindes oft völlig unerwartet trifft, man steht dann unter Schock. Bei sehr vielen stillen Geburten ist es außerdem so, dass die Kinder noch sehr klein sind und man keine passende Kleidung findet. Jede Mutter, jeder Elternteil möchte sein Kind aber warm und weich betten, es in Kleidung würdevoll verabschieden. Die Sternenkinderkleidung entspricht einem natürlichen Impuls der Eltern, ihr Kind beschützen und behüten zu wollen. Sie ist auf gewisse Weise auch eine physische Stütze. Durch das Ankleiden und Anlegen der Sternenkinderkleidung bekommen Eltern die Möglichkeit, noch einmal etwas für ihr Kind und etwas mit ihrem Kind zu tun. Bei jedem Kleidungsstück der Sternenkinderkleidung befindet sich auch ein Erinnerungsstück, das aus demselben Material hergestellt wurde wie die Kleidung oder Einschlagdecke. Das ist manchmal ein Herz, ein Stern oder ein Kuscheltier – das überlassen wir den ehrenamtlichen Handarbeiterinnen, die die Kleidung für den Verein Pusteblume fertigen. Dieses Erinnerungsstück verbleibt bei den Eltern. Damit sie sich immer daran erinnern können, wie sich die Kleidung angefühlt und wie sie ausgesehen hat.

Die Kleidung wird von ehrenamtlichen Helferinnen genäht, gestrickt und gehäkelt. Anschließend kommt sie zu uns nach Wels und wir verteilen sie dann an die Geburtenstationen oder betroffenen Eltern. Wir sind seit vier Jahren die Schnittstelle für die Sternenkleidung, wir werden es auch weiterhin sein. Denn Sternenkinderkleidung wird man immer brauchen.

BabyForum: Sie haben sich in den letzten Jahren für die Eintragung von Sternenkindern ins Personenstandregister eingesetzt – seit 01.04.2017 ist dies tatsächlich möglich. Was bedeutet das für die Betroffenen und wie funktioniert die Eintragung?

S. Strobl: Für die betroffenen Eltern bedeutet dies, dass sie ein Dokument mit den Namen des Kindes in Händen halten können. Es trägt auch dazu bei, die Existenz des Sternenkindes sichtbar zu machen. Vor allem bei frühen Fehlgeburten signalisiert es auch: „Ich darf jetzt trauern“. In diesem Zusammenhang ist es mir wichtig, den Unterschied zwischen einer Fehlgeburt und einer Totgeburt zu erklären. Als Fehlgeburten werden jene Geburten bezeichnet, bei denen das Kind unter 500 Gramm Geburtsgewicht hat. Ab 500 Gramm beziehungsweise 501 Gramm sind es Totgeburten und die Kinder wurden immer schon als Menschen anerkannt. Unter 500 Gramm waren die Kinder früher Sonder- oder Klinikabfall. Jetzt können wir die Kinder ins Personenstandsregister eintragen lassen, auch wenn es sich um keine Personenstandsurkunde mit Rechtswirkung darstellt. Es geht darum, dass Fehlgeburten nicht mehr abgetan oder die Kinder als „zu klein“ bezeichnet werden. Uns war es ein großes Anliegen diese Initiative zu unterstützen, um Sternenkinder sichtbarer zu machen, unabhängig davon in welcher Schwangerschaftswoche und mit welchem Gewicht sie zu den Sternen gereist sind.

Die Eintragung ist freiwillig und zeitlich rückwirkend (auf einen unbegrenzten Zeitraum) möglich. Betroffene Eltern benötigen eine ärztliche Bestätigung, z.B. einen Arztbrief oder eine Bestätigung des Gynäkologen/der Gynäkologin, einen gültigen Lichtbildausweis und eine Einverständniserklärung der Mutter. Die Eintragung kann an jedem Standesamt in Österreich vorgenommen werden.

BabyForum: Welchen Rat haben Sie für Verwandte, FreundInnen und Bekannte, die den betroffenen Eltern gerne helfen würden, aber einfach nicht wissen wie?

S. Strobl: Ich glaube, am Allerwichtigsten ist, es da zu sein und Anteilnahme zu zeigen, ganz egal in welcher Form. Und es ist auch komplett okay zu sagen: „Ich finde keine Worte, ich bin genauso traurig, ich bin genauso sprachlos“. Auch mit einer Umarmung drückt man Mitgefühl und Anteilnahme aus. Ein weiterer wichtiger Punkt ist: Zuhören. Die Betroffenen erwarten keine Antworten, sie wollen einfach erzählen, wie sie das erlebt haben und wie es war. Ebenfalls ganz wichtig: Sprechen Sie das Kind beim Namen an, fragen Sie nach, ob das Kind einen Namen hat und wenn ja, sprechen sie das Kind immer mit dem Namen an. Das ist etwas ganz Wertvolles, auch das Kind als vollwertiges Familienmitglied anzunehmen. Es hilft auch, sich zu interessieren, nachzufragen, wie hat das Kind ausgesehen? Hatte es mehr vom Papa oder von der Mama? Gibt es Fotos, die man ansehen darf? Wenn man selbst Kinder hat, bitte bei den Betroffenen immer nachfragen, ob man die Kinder beim Besuch mitnehmen darf. Außerdem wichtig: die Väter nicht vergessen, für die Väter da sein und auch einmal nachfragen wie es ihnen geht.

Aus meiner Selbsthilfegruppe weiß ich, dass ein fertig gekochtes Essen eine große Hilfe ist. Wenn die Tür nicht geöffnet wird, einfach vor die Tür stellen. Betroffene sind in einer derartigen Ausnahmesituation, manchmal fällt es schwer, einkaufen zu gehen, außer Haus zu gehen oder sich eben etwas zu kochen. Über ein Essen freuen sich alle Betroffenen. Ich habe noch einen Rat: akzeptieren Sie die Instabilität der Trauernden. Einmal sind sie gut aufgelegt und man kann sich mit ihnen unterhalten und dann gibt es aber auch schlechtere Tage, an denen man nicht willkommen ist. Die Anteilnahme ist übrigens auch noch in den Monaten danach wertvoll. Familienfeste und Geburtstermine oder der Todestag … all das sind schwierige Tage für die Betroffenen. Auch dann kann man sich als Freund/Freundin melden, um zu signalisieren: „Ich gedenke, ich bin da“. Aus meiner Erfahrung weiß ich, viele Angehörige oder FreundInnen fühlen sich unsicher und aus Angst etwas Falsches zu tun, machen sie dann gar nichts. Wichtig ist es, die eigene Hemmschwelle zu überwinden und einfach bei den Betroffenen zu fragen, wie man helfen kann.

BabyForum: Trauer, Wut, Schuld, Verzweiflung – die Bandbreite der Gefühle nach einer Fehl- oder Totgeburt ist groß. Sie ermutigen Betroffene, ihren ganz persönlichen Weg im Umgang mit diesem Erlebnis zu finden. Warum?

S. Strobl: Trauer ist etwas ganz Individuelles, jeder von uns trauert anders. Jede Mama, jeder Papa, jedes Paar gemeinsam trauert anders. Für mich ist es ganz wichtig auch in der Selbsthilfegruppe den Eltern zu zeigen, sie dürfen sich trauen, so zu trauern, wie es ihnen gut tut. Sie sollen nicht das Gefühl haben, dass sie nun so trauern müssen, wie es die Norm wäre oder wie es uns die Gesellschaft vorschreibt. Ich unterstütze die betroffenen Eltern dabei, in sich hinein zu hören und selbstbestimmt ihrem Gefühl zu folgen. Ich verwende in diesem Zusammenhang gerne das Bild eine Puzzles. Es sind viele Teile, die uns als Mensch ausmachen, vergleichbar mit Puzzleteilen. Wenn ein Kind zu den Sternen reist, sterben alle Pläne und Träume und damit zerfällt auch das Puzzle in seine Einzelteile. Betroffene müssen es dann erst wieder zusammensetzen, um sich ins Leben zurückleben zu können. Dabei müssen sie auf sich selbst hören und dafür benötigt jeder etwas anderes. Das ist ein Prozess, indem sich Eltern erlauben sollten, individuell zu trauern und sich auch die Zeit dafür zu nehmen, die sie brauchen. Jeder bewältigt so ein Ereignis in seinem persönlichen Tempo, dafür gibt es kein Patentrezept. In der Selbsthilfe geben wir Eltern, Werkzeuge an die Hand, die ihnen dabei helfen sollen, sich ins Leben zurückzuleben. Abnehmen können wir ihnen die Trauer nicht, aber wir können sie dabei unterstützen, die Kontrolle über ihr Leben wieder zu erlangen.

BabyForum: Reden wir auch über die Trauer, die ja leider vielfach noch ein Tabuthema ist. Wie können wir dieses Tabu brechen?

S. Strobl: Indem wir darüber reden, dem Thema einen Raum geben und den betroffenen Eltern vermitteln, dass sie das Recht haben, zu trauern. Es ist auch wichtig den Eltern zu zeigen, dass sie das Recht haben, über ihr Kind zu sprechen, egal in welcher Schwangerschaftswoche sich die Mutterliebe verändert hat und das Kind zu den Sternen gereist ist. Indem man darüber schreibt und spricht und das Thema eben nicht totschweigt, tragen wir dazu bei, das Tabu zu brechen.

BabyForum: Welche Möglichkeiten gibt es, Ihren Verein zu unterstützen?

S. Strobl: Zum einen ist es uns eine große Unterstützung, wenn man vom Verein erzählt und davon, dass es in Österreich Organisationen gibt, die Betroffenen zur Seite stehen. Ein Anliegen ist uns auch die Bekanntmachung der Aktion „Sternenkinderkleidung“. Mein Wunsch wäre es, dass es sich wirklich so etabliert, dass auf allen Geburten- und Frühgeburtenstationen Kleidung für Sternenkinder zu Verfügung steht. Zum anderen freuen wir uns über aktive Unterstützung. Man kann Sternenkinderkleidung anfertigen, wir haben dazu auch Anleitungen auf unsere Homepage gestellt. Auch „Trösterchen“ oder Erinnerungsstücke, wie zum Beispiel bemalte Steine, gehäkelte Tiere oder Kerzen, sind uns eine große Hilfe. Wir legen sie bei, wenn sich betroffene Eltern bei uns melden oder wenn wir die Kleidung auf den Geburtenstationen verteilen. Wer möchte, kann uns auch eine Materialspende in Form von hellen, weichen Jersey- oder Baumwollstoffen, beziehungsweise Nähzubehör, zukommen lassen. Auch Geldspenden sind gerne gesehen, wir decken damit die Kosten für Informationsflyer, Porto und ähnliche Ausgaben.

Für betroffene Eltern, die in dieser schweren Zeit Hilfe suchen, hat uns Frau Strobl zwei Adressen genannt, die wir euch gerne weitergeben möchten:

Hier natürlich auch der Link zum Verein Pusteblume.

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